"Alles ist enger zusammengerückt"
Doppelinterview mit Rudi Völler und Michael Skibbe, Teil 2.
BayArena Magazin: Es werden ja derzeit wieder die deutschen Tugenden beschworen. War das damals eine Wiederbelebung eben dieser Tugenden Rennen, Kämpfen, Grätschen?
Skibbe: Ich glaube, wenn man das mit Teamgeist oder Teamspirit umschreibt, dann liegt man eigentlich viel besser. Weil wir eben nicht nur gerannt sind und gekämpft haben, sondern auch gut gespielt haben – ganz besonders im Finale, aber auch gegen Kamerun in Unterzahl. Und man darf auch nicht vergessen, dass wir fußballerisch ein unglaublich gutes Eröffnungsspiel gemacht haben.
Da haben viele gesagt, gut, das war ja nur Saudi Arabien. Zur Erinnerung: Die haben aber danach nicht mehr 0:8 verloren, die haben sich nur gegen uns diese Klatsche abgeholt. Also, wir hatten auch fußballerisch Highlights dabei. Natürlich müssen die anderen Dinge auch stimmen. Aber wenn man bei einer WM nicht rennt und kämpft, ja wann denn dann?
Völler: Es gibt doch heute keine Teams mehr, die du mit den deutschen Tugenden beeindrucken könntest. Egal wo man heute hinkommt, man wird immer Mannschaften vorfinden, die gut organisiert sind, die eine sehr gute Fitness haben. Das hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren einfach geändert. Und deshalb ist auch alles enger zusammengerückt.
BayArena Magazin: Könnte es ein Problem sein für das deutsche Team, dass es nur Freundschaftsspiele vor der WM im eigenen Land absolviert, nicht genau weiß, wo es steht?
Skibbe: Die Mannschaft muss an der Aufgabe wachsen. Sie hat im letzten Jahr sehr gut im Confederation-Cup gespielt und hat auch sehr viel Potenzial. Es ist ja in weiten Teilen eine Mannschaft, die wir schon vor vier Jahren bei der WM, aber vor allem bei der EM in Portugal dabei hatten. Es sind also viele gestandene und erfahrene Spieler in der Mannschaft.
In der Innenverteidigung ist das Team natürlich sehr jung, da hat eigentlich der Wechsel stattgefunden, und man muss schauen, wie die Mannschaft damit umgeht. Ich denke aber, dass das Team größtenteils gut aufgestellt ist. Wir haben ein sehr spielstarkes und torgefährliches Mittelfeld. Nur eins darf nicht passieren: Michael Ballack darf sich nicht verletzen oder in den entscheidenden Spielen wegen einer Gelbsperre ausfallen. Denn er ist der Kopf der Mannschaft.
BayArena Magazin: Wie wichtig ist der Heimvorteil?
Völler: Der ist ganz wichtig, das hat man ja beim Confederation-Cup gemerkt. Da war die Stimmung das große Pfund, mit dem man wuchern konnte. Die schlechteren Leistungen hat die Nationalelf in letzter Zeit ja eigentlich immer nur auswärts gezeigt. Ich bin überzeugt davon, dass wir eine gute WM spielen werden. Eine gute Vorrunde sowieso, die sollte man versuchen, auch als Erster abzuschließen. Na ja, und ab dem Achtelfinale kannst du natürlich auch schon mal Schwierigkeiten bekommen. Aber das gilt auch für die Brasilianer, auch die können da Probleme kriegen. Das ist halt so im K.o.-System.
BayArena Magazin: Wenn nun das Eröffnungsspiel ansteht, dann werden Sie beide nicht wehmütig zurückblicken und sich sagen, Mensch, weißt du noch, damals in Japan?
Skibbe: Nein, absolut nicht. Wir haben hier bei Bayer 04 eine sehr spannende Aufgabe. Wir werden die Spiele der deutschen Elf aufmerksam verfolgen und die Daumen drücken. 80 Prozent der Spieler hatten wir ja schon im Kader. Natürlich hoffe ich, dass unser Bernd Schneider eine gute WM spielt. Wir sind mit ganzem Herzen dabei, aber unsere Arbeit haben wir jetzt hier zu leisten. Das tun wir mit großer Freude und viel Engagement.
BayArena Magazin: Herr Völler, Sie werden als RTL-Experte ja bei vielen Spielen live dabei sein. Auf welche Partien freuen Sie sich besonders?
Völler: Natürlich auf die der Brasilianer und der Italiener. Aber bin auch sehr gespannt auf die afrikanischen Teams, denen ich einige Überraschungen zutraue.