Sergej Barbarez ist auf Anhieb Führungsspieler bei Bayer Leverkusen
Von Björn Lindert
Leverkusen - Wenn Sergej Barbarez mit seinem Porsche 911 vorfährt, zieht er die Blicke der Fans vor der BayArena auf sich - nicht nur wegen seines schnellen Wagens. Der Bosnier ist gerade einmal sechs Wochen in Leverkusen und schon Führungsspieler. "Die Rolle ist mir angeboten worden, und ich nehme sie gern an", sagt er. "Wir haben viele junge Spieler, und denen muss man ab und zu den Weg zeigen."
Der mit 34 Jahren älteste Spieler bei Bayer nimmt sich viel Zeit für Einzelgespräche. Eine Umarmung hier, ein lautstarkes Kommando dort. Sein Trainer Michael Skibbe - beide kennen sich noch aus gemeinsamen Dortmunder Tagen - freut sich über so viel Engagement: "Das ist wirklich beeindruckend. Er geht selbst auf die jüngsten Spieler ein und interessiert sich für sie."
Für die Jüngsten im Kader ist Barbarez eine Art Vaterfigur, und vor allem für seinen 22-jährigen Sturmkollegen Stefan Kießling ist er eine große Hilfe: "Ich kann eine Menge von ihm lernen. Er hat so viel Erfahrung. Ich frag' viel, er erklärt viel", sagt Kießling.
Barbarez hat - das war in der Vorbereitung deutlich zu spüren - Lust auf den Job in Leverkusen. "Es gefällt mir sehr gut hier. Wir wollen oben anklopfen und im Uefa-Cup die Gruppenphase erreichen. Das kann einen enormen Schub geben."
Er kennt das aus Hamburg. Sechs Jahre lang ackerte er für den HSV, war gleichermaßen beliebt wie umstritten. In diesem Sommer fand die Liaison allerdings keine Fortsetzung, Barbarez ging, nur seine Familie blieb in Hamburg. "Das ist etwas Neues für mich", sagt der Angreifer. "Aber ich habe lange mit meiner Frau gesprochen. Ich bleibe ja keine 20, sondern nur zwei Jahre hier."
Dennoch hat er sich eine "Heimwehklausel" in seinen Vertrag einbauen lassen, die es ihm erlaubt, nach nur einem Jahr zurückzukehren in die Stadt seines Herzens. "Ich will die zwei Jahre durchziehen und auch Spaß haben", reagiert Barbarez gelassen darauf, dass dieser Vertragsbestandteil öffentlich geworden ist.
Zuschauerliebling ist der neue Leitwolf bei Bayer schon, ein bunter Tupfer für die Werkself sowieso. Und mit seiner offenen Art auf jeden Fall ein Gewinn für die Elf. "Er ist ein guter Typ und ein hervorragender Fußballer, bereitet viele Tore vor und macht viele selbst", sagt Kapitän Carsten Ramelow. "Ich freue mich sehr, dass wir jetzt nicht mehr gegeneinander sondern miteinander spielen."
Auch weil Barbarez als Gegner sehr unangenehm sein kann, trickreich ist und sehr emotional. Dieter Hecking, Trainer des Auftaktgegners Alemannia Aachen, rückte den Bosnier sogar in die Ecke eines Provokateurs: "Meine Jungs dürfen sich nicht provozieren lassen, das wird so ein abgezockter Spieler wie Barbarez versuchen", sagte Hecking.
Auch wenn Barbarez mit aktuell sieben Roten Karten Bundesliga-Spitzenreiter in der Sünder-Statistik ist - solche Sätze der Gegner amüsieren ihn mittlerweile nur noch: "Durch diese Aussage wird doch nur eins klar: Dass die sehr großen Respekt haben, vor allem vor meiner Person", sagt er. "Ich lass' mich nicht provozieren. Die richtige Antwort kann man nur auf dem Platz geben."
Artikel erschienen am Sa, 12. August 2006