VON GERT GLANER, 19.08.06, 17:45h, AKTUALISIERT 20.08.06, 20:32h
Wie es für den Mittelfeldspieler künftig weitergeht in seiner Elf, ist offen - nächsten Samstag ist Bernd Schneider wieder fit.
Bremen - Von der Stirn tropft Paul Freier eine Menge Eigenwasser auf die roten Wangen, was ihm den Anstrich eines besonders gehetzten Menschen gibt. Und so redet er ein paar Minuten nach dem Abpfiff auch: „So ein Spiel müssen wir nicht verlieren.“ Punkt. „Wir hatten so viele Chancen.“ Punkt. „Eine Unachtsamkeit hat uns umgehauen.“ Punkt. Wahrscheinlich muss der arme Leverkusener Mittelfeldspieler nach so viel schnellem Sprechen und Denken nun noch mehr schwitzen, aber das ist dann ja sein Problem, von dem er sich aber gewiss auch ganz schnell wieder erholt haben wird. Bayers 1:2 bei Werder Bremen wirkt da vielleicht noch ein bisschen länger nach. Weil es so überflüssig war.
Leverkusen präsentierte sich wie schon beim 3:0 gegen Alemannia Aachen zum Saisonauftakt spielfreudig und passsicher, was nicht zuletzt an Freier lag, der in Bremen bester Gästespieler war. Ins Team gerückt war er nur, weil Bernd Schneider vor dem Anpfiff wegen einer Fußprellung, die er sich unter der Woche im Länderspiel gegen Schweden zugezogen hatte, kurzfristig passen musste. Auf Freier trifft also das zu, was Leverkusens Trainer Michael Skibbe über seine Ersatzbank sagt: „Es ist kaum ein Niveauunterschied feststellbar, wenn der eine für den anderen ins Spiel kommt.“ Allgemeingültig ist dieser Satz allerdings nicht, was durchaus auch ein Grund für die unnötige Schlappe im Norden war.
Denn neben Schneider musste Skibbe auch noch auf Innenverteidiger Juan verzichten, der Brasilianer hat sich ebenfalls am vergangenen Mittwoch bei einem Länderspiel verletzt - Muskelverhärtung im Adduktorenbereich. Für Juan rückte Ahmed Madouni ins Team, doch der große, hagere Mann fand nie ins Spiel. Immer dann, wenn er den Ball sicher am Fuß hatte, gab er ihn durch ein unsinniges Abspiel wieder her, was der Stabilität einer Mannschaft, die Angriffe von Gegnern wie Diego oder Miroslav Klose aushalten muss, nicht guttun konnte.
Deshalb hatte Bayer 04 auch nichts von der Führung, für die Freier mit einem verwandelten Elfmeter (Petri Pasanen hatte zuvor Stefan Kießling gefoult) gesorgt hatte (15.). Denn Klose durfte per Kopf ausgleichen, weil sein Gegenspieler Madouni nicht aufgepasst hatte (26.), und der eingewechselte Hugo Almeida vollstreckte einen Diego-Pass zum Werder-Sieg (77.). Es war dies die Vollendung eines Konters, eingeleitet hatte ihn Leverkusen durch eine missglückte Ecke. „Das ärgert mich, wir hatten viele Gelegenheiten diesen Angriff zu unterbrechen“, sagt Skibbe.
Zuvor hatten es die Gäste versäumt, dem mitreißenden Spiel die entscheidende Wende zu geben - für sich. Die Chancenverwertung war also ein zweiter unschöner Punkt für Skibbe, der darauf durch verstärkte Trainingsmaßnahmen reagieren wird: „Das werden wir weiter einüben.“ Aber das alles sind für Skibbe negative Details, insgesamt findet er, „dass wir fantastisch gespielt haben. Besser kann man auswärts nicht auftreten.“
Was in Sachen Spielaufbau auch stimmt: Er war anspruchsvoll und ästhetisch wertvoll. Skibbe verfügt mit Simon Rolfes, Tranquillo Barnetta und vor allem Freier über ein formidables Mittelfeld, was zwar vielversprechend ist, einem Trainer aber auch nicht hilft, wenn alle Dominanz nur zu einem Tor reicht.
Am kommenden Samstag, im Spiel gegen Wolfsburg, steht Skibbe zudem vor einer schweren Entscheidung. Nationalspieler Schneider ist dann wieder fit - und auch wenn Freier in Bremen bester Leverkusener war, wird Skibbe kaum auf den zuletzt ebenfalls mit starker Frühform spielenden Schneider verzichten. Ob das nicht ein saublöder Härtefall ist? Skibbe antwortet: „Ein Härtefall ist unsere Niederlage.“ Paul Freier wiederum sagt: „Ich will kein Systemopfer sein.“
Vielleicht ist er ja ein Systemopfer mit Perspektive.
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