Ehrlich im Mittelmaß

  • KOMMENTAR / MEINUNG


    VON CHRISTIAN OEYNHAUSEN, 16.10.06, 06:45h


    Wer den Spielern und Funktionären von Bayer 04 Leverkusen nach dem 0:3 in Stuttgart begegnete, der war versucht zu gratulieren: Verlieren können sie sehr gut. Es war ein Debakel, und es gab keine Ausreden. Niemand beschönigte oder suchte Schuld beim Schiedsrichter. Und niemand sagte: „Was wollt ihr? Das war schließlich Stuttgart, da kann man als Leverkusen schon mal verlieren.“ So sieht sich Bayer 04 nicht, und deshalb gab es klare Worte. Sportdirektor Rudi Völler bekam seinen Wutausbruch, und Carsten Ramelow warnte vor dem drohenden Versinken im Mittelmaß, wenn die unerklärlichen Leistungsschwankungen nicht aufhören.


    Selbsterkenntnis soll ja der erste Schritt zur Besserung sein. Wenn das stimmt, müssen sich Leverkusens nächste Gegner - der FC Brügge und der HSV - schwer vorsehen. Aber in Wirklichkeit ist es eher so, dass solche Sätze aus Leverkusen vertraut klingen. Ein Kapitän Nowotny hat diesen Satz oft gesagt, man kennt ihn auch vom Torwart Butt, der ebenfalls schon lange dabei ist. Man kann sagen: Seit den neunziger Jahren, als der Klub sich mit einigen finanziellen Kraftanstrengungen von einer Treter-Truppe in eine Ansammlung von Elite-Kickern verwandelte, verliert Leverkusen mehr Spiele durch mangelnde Einstellung als durch mangelndes Talent.


    Dieses alte Problem war der Ausgangspunkt der Überlegungen, Sergej Barbarez vom HSV zu holen: Einen gestandenen, erfahrenen, technisch starken Spieler mit der Fähigkeit, das Spiel zu lenken und einer Mannschaft Abgezocktheit zu verpassen, ein Mann mit einer schillernden Vita voller Tore und einiger Platzverweise. Einen „Typ“ nennt man so etwas in der Branche. Meistens besteht bei den Typen aber ein gewisses Risiko. Für Bayer 04 hat der Transfer bisher nicht den erhofften Nutzen gebracht. Der Bosnier ist mit einer Ausnahme die Tore schuldig geblieben und die großen Spiele als Lenker hat er noch nicht gezeigt.


    Leverkusen hat in diese Personalie viel Geld investiert. Und viel Fantasie, denn anders ist es kaum zu erklären, dass Trainer Michael Skibbe sich am Samstag nicht zu einer Auswechslung des Bosniers entschließen konnte. Barbarez war eine der beiden starken Karten, die Leverkusen auf dem Transfermarkt spielen konnte. Die andere war der Stürmer Stefan Kießling, eine Art Gegenpol: Jung, talentiert, unerfahren. Auch dieser Transfer hat Leverkusen bisher nicht viel Zählbares eingebracht. Und wer sich an die Verlautbarungen vor der Saison erinnert, der staunt: Man sei offensiv stärker besetzt als zu der Zeit mit dem Bulgaren Dimitar Berbatow, hatte es da geheißen.


    Im Moment sieht es eher danach aus, als drohe Leverkusen auch bei der Fähigkeit zur Selbsteinschätzung das Versinken im Mittelmaß.

    http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1160572257322