Aufbau Nord in Leverkusen

  • VON CHRISTOPH PLUSCHKE, 22.10.06, 22:36h


    Michael Skibbes Team verspielt eine 1:0-Führung und unterliegt durch zwei Tore von Guerrero 1:2.


    Leverkusen - Ja, so sind sie, die Leverkusener Fußballer - immer freundlich, immer nett. Wer in Zeiten höchster sportlicher Not einen Gegner sucht, an dem man sich wieder aufrichten kann, der ist bei Bayer 04 gut aufgehoben. Mehr als einmal haben sie sich in der Vergangenheit bereits als echte Menschenfreunde erwiesen, und auch gestern zeigten sie sich wieder als wahre Philantropen: Das Team von Trainer Michael Skibbe leistete sich eine 1:2(1:0)-Heimniederlage gegen den Hamburger SV und verhalf damit dem Krisenklub aus dem Norden zum ersten großen Erfolgserlebnis nach nicht weniger als 15 sieglosen Pflichtspielen.


    Bayers medizinische Abteilung hatte ganze Arbeit geleistet. Jedenfalls gehörten sowohl Juan als auch Tranquillo Barnetta, deren Einsatz wegen der beim Uefa-Cup-Auftritt in Brügge erlittenen Blessuren höchst fraglich gewesen war, zur Anfangsformation. Für den nach seiner gelb-roten Karte im Stuttgart-Spiel gesperrten Carsten Ramelow hatte Skibbe den jungen Schweizer Pirmin Schwegler ins defensive Mittelfeld an die Seite des Kollegen Simon Rolfes beordert.


    Bei den personell chronisch gebeutelten Hamburgern gab immerhin Rafael van der Vaart nach wochenlanger Verletzungspause das von Trainer Thomas Doll und allen anderen HSV-Sympathisanten ersehnte Comeback. Und die Rückkehr des Niederländers tat dem Spiel der Hamburger spürbar gut. Überhaupt traten die Gäste keineswegs wie ein tief in der Krise steckendes Team auf, sondern ergriffen beherzt und einsatzfreudig die Initiative. Vor 22 500 Zuschauern in der ausverkauften BayArena entwickelte sich auf diese Weise von Beginn an ein munteres Spielchen mit jeder Menge Torraumszenen auf beiden Seiten. Die mit Abstand beste Gelegenheit in der ersten Halbzeit bot sich Boubacar Sanogo in der zwölften Minute: Bayers Abwehrreihe - bestehend aus Juan, Haggui und Mahdouni - versuchte vergeblich, eine Abseitsfalle aufzubauen; so strebte der Ivorer allein mit dem Ball auf Butt zu, spielte den Leverkusener Keeper aus, traf dann aber aus zu spitz gewordenem Winkel nur das Außennetz. Nicht viel später hatte Sanogo Pech, als die Kugel nach seinem Kopfball an den Innenpfosten des Bayer-Tores klatschte (36.).


    Bayer hätte sich also zur Pause nicht über einen Rückstand beklagen können. Oder andersrum ausgedrückt: Die Leverkusener 1:0-Halbzeitführung war höchst schmeichelhaft. Der Treffer, der in der 40. Minute dazu führte, entsprang einem Missverständnis zwischen HSV-Keeper Kirschstein und Atouba - Nutznießer war Andrej Woronin, der den Ball mit einer Grätsche aus kurzer Distanz ins Netz beförderte.


    Zur Pause blieb der maßlos enttäuschende Kießling in der Kabine; statt seiner erschien Touré mit dem Auftrag, Bayers Defensivverbund zu stärken, was angesichts der nun verstärkten Angriffsbemühungen des Gegners natürlich Sinn machte. Die Leverkusener, bei denen Barbarez nun neben Woronin ins Angriffszentrum rückte, verlegten sich mehr und mehr auf Konterfußball im eigenen Stadion. Allerdings fehlten den meisten ihrer Aktionen die nötige Präzision.


    Dann aber hatte der in den vergangenen Wochen nicht gerade vom Glück verwöhnte Thomas Doll ein glückliches Händchen mit einer personellen Disposition: Keine 100 Sekunden nach seiner Einwechslung gelang Paolo Guerrero auf Trochowskis Zuspiel der hochverdiente Ausgleich. Und vier Minuten vor dem Ende war der Peruaner erneut zur Stelle und erzielte das 1:2. Beiden Treffern waren Stellungsfehler gleich mehrerer Bayer-Abwehrspieler vorausgegangen.

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