VON CHRISTOPH PLUSCHKE, 23.10.06, 20:42h
Eine wegweisende Woche für die Leverkusener und ihren Coach.
Leverkusen - Natürlich musste die Frage irgendwann kommen, sie war ja auch berechtigt. Was er denn mit seiner Mannschaft vor der Partie angestellt habe, wollte jemand von Thomas Doll wissen. Immerhin hatte dessen Team soeben mit einem nicht nur leidenschaftlich erkämpften, sondern auch überzeugend herausgespielten 2:1-Erfolg bei Bayer 04 Leverkusen nach 14 sieglosen Pflichtspielen mal wieder gewonnen. „Nun ja“, antwortete der Trainer des Hamburger SV und wirkte dabei fast sogar etwas verlegen, „wir haben an ein paar Schrauben gedreht.“ Ob er dafür den schweren Engländer des Installateurs oder das Feinmechaniker-Set des Uhrmachers benötigt hatte, blieb offen. Festzuhalten bleibt: Man braucht offenbar nur an den richtigen Schrauben zu drehen, schon läuft's wieder. Und dann gelingt es auch, eine monatelange, quälende Phase des Misserfolgs zu beenden.
Michael Skibbe saß daneben, hörte zu und wird sich gefragt haben, was für ein Werkzeug der Kollege wohl benutzt haben mag. Gerade jetzt könnte er es gut gebrauchen. Auch dem Leverkusener Coach fällt dieser Tage die Aufgabe zu, eine stotternde Maschine wieder in Gang zu bringen. Bevor er aber den imaginären Blaumann anzog und sich an die Arbeit machte, blieb ihm erst mal nichts anderes übrig, als sich in bekannte Parolen zu flüchten. Also sprach Skibbe: „Wir müssen uns sammeln und wieder aufstehen.“ Oder: „Wir müssen und werden zeigen, dass mehr in uns steckt, als wir zuletzt gezeigt haben.“ Und natürlich: „Wir werden weiter mit Ruhe und Konzentration arbeiten.“
Eingedenk der erbärmlichen Ausbeute von durchschnittlich einem Punkt pro Spiel sollten sie bei Bayer 04 vor allem damit aufhören, sich die Dinge schönzureden. Hans-Jörg Butt versuchte am Montag, mit gutem Beispiel voranzugehen. „Wir brauchen jetzt nicht auf die Spitzengruppe zu schielen, sondern müssen erst mal den Abstand zum Mittelfeld herstellen“, sagte der Torhüter und fügte hinzu: „Die jetzige Situation erinnert mich an die verkorkste Hinserie der vergangenen Saison. Wir spielen alles andere als konstant. Hin und wieder gelingt ein Highlight, aber dann gibt es wieder viel zu viele Durchhänger. Letztes Jahr haben wir dann irgendwann die Kurve gekriegt. Das muss uns auch jetzt gelingen - und zwar schnell.“ Bereits die laufende Woche wird für Bayer 04 im Allgemeinen und Michael Skibbe im Besonderen eine richtungweisende. Am Mittwoch steht das schwere DFB-Pokalspiel beim MSV Duisburg und am Samstag die Auswärtspartie in Mönchengladbach an. Zur Erinnerung: Die Borussia hat ihre zwölf Saisonpunkte allesamt zu Hause geholt - vier Spiele, vier Siege; dagegen steht Leverkusens mehr als dürftige Auswärtsbilanz von einem Pünktchen aus vier Versuchen.
Werden beide Spiele gewonnen, hat Skibbe erst mal wieder Ruhe. Scheitert Bayer aber beide Male, bekommt der Trainer ein Problem. Denn dann gilt wohl auch nicht mehr, was Sportdirektor Rudi Völler noch am Sonntagabend nach dem HSV-Spiel im Brustton der Überzeugung verkündete: „Bei uns im Verein herrscht Ruhe.“
Im Misserfolgsfall würde sich auch rasch erweisen, ob Skibbes Kreditrahmen in der Führungsetage und auch bei den Bayer-Fans ähnlich groß ist wie der von Thomas Doll in Hamburg. Der HSV-Coach war am Sonntag nach dem Spiel von den mitgereisten Anhängern auf eine Weise gefeiert worden, dass es nicht nur ihm selbst Schauer über den Rücken jagte. Und anschließend nutzte Doll die Gunst der Stunde, um den Sieg dem Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer und Klubchef Bernd Hoffmann zu widmen, die sich die Fans statt seiner zuletzt als Sündenböcke ausgesucht hatten.
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