Nachschlag:
VON CHRISTIAN OEYNHAUSEN, 30.10.06, 11:36h
Bayer 04 - Die zweite Halbzeit schaut sich Wolfgang Holzhäuser nur selten an, der nervlichen Belastung wegen. Am Samstag im Mönchengladbacher Nordpark hat sich Bayer 04 Leverkusens Geschäftsführer in die Gästekabine zurückgezogen und den Wasserhahn aufgedreht, um die Geräusche von den Tribünen zu übertönen. Seine Mannschaft führte 1:0, aber schon fünfmal hat Leverkusen in dieser Saison eine Führung nicht zum Sieg nutzen können. Diesmal war Holzhäusers Angst vor gegnerischem Torjubel unbegründet. In akustischer Hinsicht verpasste er nur das Pfeifkonzert der einheimischen Fans, als ihnen der Stadionsprecher „noch 15 Minuten“ des diesmal schrecklichen Gladbacher Fußballs versprach. Vom 2:0 durch Andrej Woronin erfuhr Holzhäuser dann durch eine SMS von der Tribüne. Der erste Auswärtssieg der Saison war perfekt, Leverkusen löst sich erst einmal aus dem Sog der Abstiegszone. Die Erleichterung bei den Gästen war überall zu spüren, auch wenn Holzhäuser lächelnd sagte: „Wir hatten keine Krise.“
Aber mit dem Sieg beim Lieblingsgegner - seit 1989 ist Leverkusens in Ligaspielen in Mönchengladbach ungeschlagen - kann Trainer Michael Skibbe wieder etwas Luft holen. „Wie die gesamte Mannschaft bin ich sehr erleichtert“, sagte der Coach. „Endlich mal wieder zu null gespielt. Wenn alle elf Mann mitmachen, dann sehen auch alle elf gut aus“, sagte Torhüter Hans-Jörg Butt. „Jeder hat sich vorgenommen, es besser zu machen. Ich hoffe, das war ein Neuanfang, nachdem wir so schlecht gestartet sind“, sagte Woronin. Sportdirektor Rudi Völler mahnte an, aus dem Erfolg einen Trend zu machen: „Es muss in dieser Form weitergehen. Ein schönes Spiel reicht nicht. Unser Anspruch ist höher.“ Ein Sonderlob verteilte der Sportdirektor an Sergej Barbarez, der trickreich und mit Übersicht Regie führte. Der Bosnier bereitete das 1:0 vor und hatte in der 68. Minute die große Chance zur Vorentscheidung, als er freistehend an Torwart Keller scheiterte. „Er hat heute gezeigt, weswegen wir ihn geholt haben. Er ist als Fahnenträger vorangegangen und hat herrliche Pässe gespielt“, sagte Völler.
In die Freude über die eigene Leistung mischte sich bei den Leverkusenern aber auch Verwunderung, wie wenig Widerstand die Borussia an diesem Samstag leisten konnte. „Sie haben uns Räume gelassen und viele Chancen ermöglicht“, sagte Mittelfeldspieler Simon Rolfes. So machte sich Jupp Heynckes Mannschaft zum perfekten Aufbaugegner für die angeschlagenen Leverkusener. Das begann schon bei Torwart Kasey Keller. Der US-Amerikaner ließ einen harmlosen Schuss von Babic durch die Hände und dann durch die Beine zur Führung ins Tor rollen.
Im Mittelfeld konnte Gladbachs Vier-Millionen-Mann Frederic Insua kaum Akzente setzen. Heynckes wechselte ihn zur Pause aus und stellte seinen Lieblingsschüler Michael Delura in die Zentrale. Aber die Borussia blieb im Angriff harmlos und kam bei Leverkusener Ballbesitz immer zu spät, um die Gäste zum Zweikampf zu stellen. Und einen Neuville-Effekt gab es auch nicht: Der Nationalstürmer blieb gegen seinen Ex-Klub wirkungslos. Der offizielle Statistikbogen wies zwar für Gladbach mehr Ballbesitz und ein Plus an Zweikämpfen auf - was nur beweist, dass die Statistik nicht viel beweist. „Wir waren total überlegen“, stelle Völler fest. „Ich hatte nie den Eindruck, dass wir das Spiel noch kippen könnten“, sagte Heynckes enttäuscht. Die Gladbacher Fans drehten ihrem Team nach dem zweiten Gegentor den Rücken zu. Bereits nach dem Pokal-Aus in Osnabrück (1:2) hatte es Proteste der Fans gegeben, die die Spieler bei der Abfahrt bedrängten. „Das ist nicht spurlos an der Mannschaft vorbeigegangen“, sagte Heynckes, der drei Niederlagen in einer Woche hinnehmen musste.
http://www.leverkusener-anzeig…ikel.jsp?id=1162203712343