VON RALPH DURRY, 04.11.06, 17:27h, AKTUALISIERT 05.11.06, 21:34h
Sportdirektor Völler stärkt dem Coach den Rücken, doch das Bayer-Team kommt nicht von der Stelle.
Leverkusen - Wozu so eine Vereinshymne doch gut sein kann! Sekunden nach dem Schlusspfiff waren aus dem Leverkusener Fanblock erstmals und noch etwas zaghaft, aber durchaus vernehmbar „Skibbe-Raus“-Rufe zu hören, als aus den Stadionlautsprechern - schwülstig in Melodie und Text - das Bayer-Lied erklang und alles andere überdröhnte. Vom „Zusammenstehen“ wurde da pathetisch gesungen, doch die Einzigen, die das in diesem Moment auch taten, waren die Gästespieler aus Mainz, die im Mittelkreis einander umarmend pure Harmonie demonstrierten, während das Gros der Zuschauer fluchtartig den Ausgängen zustrebte und die einheimischen Akteure - jeder für sich und hängenden Kopfes - bereits die Kabine aufsuchten.
Trotz Hymnenhilfe waren Michael Skibbe die gegen ihn gerichteten Sprechchöre natürlich noch zu Ohren gekommen, und der Bayer-Trainer machte aus seiner Betroffenheit auch keinen Hehl. „Das hört doch niemand gerne über sich“, konstatierte der Coach, äußerte pflichtschuldig ein gewisses Verständnis für die Unzufriedenheit des Publikums („Wir sind alle enttäuscht“), verband dies aber auch mit einem Vorwurf an die Anhängerschaft, der ihm dort womöglich keine weiteren Sympathiepunkte einbringen wird: „Die Mannschaft hätte die Unterstützung bis zur letzten Sekunde verdient gehabt.“
Rückendeckung für den geschmähten Trainer gab es tags darauf schon mal durch den Sportdirektor. „Diese Kritik hat Michael nicht verdient, er macht gute Arbeit“, erklärte Rudi Völler gestern im DSF und im eifrigen Bemühen, eine Trainerdiskussion erst gar nicht aufkeimen zu lassen. Eine solche aber wird sich nicht mehr vermeiden lassen, wenn es Bayer 04 nicht bald gelingt, die weiterhin klaffende Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit konstant befriedigenden Ergebnissen endlich, deutlich und dauerhaft zu verkleinern. Allmählich verlieren die Bayer-Sympathisanten nämlich ihre Geduld mit dieser seltsamen Mannschaft. Und die Schönrednerei, der sich die sportlich Verantwortlichen bei Bayer seit Wochen und natürlich auch an diesem Wochenende wieder bedienten, lässt den Unmut selbst der treuesten Anhänger nur noch anwachsen. „Alles getan“ habe seine Mannschaft, ließ Skibbe nach dem ernüchternden 1:1 gegen Mainz wissen; ein „tolles Offensivspiel“ habe sie aufgezogen; und „total schade“ sei es gewesen, dass man für diesen Aufwand nicht belohnt worden sei.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte Bayer in der ersten halben Stunde ein fürchterliches Spiel abgeliefert. Erst nach dem - zugegebenermaßen aus Abseitsposition erzielten - 0:1 durch Imre Szabics (29.) und einer taktischen Umstellung (für den ausgewechselten Totalausfall Karim Haggui verteidigte fortan Bernd Schneider hinten rechts, dessen Position vorne rechts übernahm der quirlige Paul Freier) kamen die Leverkusener in Fahrt. Dass bei einem Torchancenverhältnis von 12:2 nicht mehr als der von Sergej Barbarez kurz vor der Pause mit einem sehenswerten Schlenzer erzielte Ausgleich heraussprang, verdeutlichte abermals die große Schwäche der Leverkusener in der laufenden Spielzeit: Man schafft und tut und macht, aber es kommt viel zu wenig dabei raus.
Einstweilen orientieren sich die Bayer-Spieler rhetorisch an ihrem Trainer und formulieren wohlklingende Parolen. Während Simon Rolfes um Geduld bat („Wir brauchen noch etwas Zeit, aber wir müssen weiter an uns glauben“), forderte Paul Freier: „Wir müssen jetzt zeigen, dass wir echte Männer sind.“
Nächste Gelegenheit dazu gibt's am Mittwoch beim VfL Bochum.
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