VON UDO BONNEKOH
(RP) Die Leverkusener drohten nach den letzten Minuten beim 2:3 gegen die Bayern den Boden unter den Füßen zu verlieren. In kollektiver Depression zählten auch die individuellen positiven Erlebnisse nichts. Von Andrej Voronin, der trotz leicht überschaubarer Heldentaten unglaublich Schlag hat bei den Fans, wollte niemand was wissen an diesem Nachmittag. Der Ukrainer durfte ohne Skrupel seine Enttäuschung draußen ausleben.
Er saß nach Bayers 2:3 gegen den FC Bayern kauernd am Boden, die Münchner tobend vor Freude um ihn herum, die Leverkusener Kollegen tauschten derweil Trikots mit den Champions von der Isar oder applaudierten dem Publikum. „Tja“, sagte Bayers Kapitän Carsten Ramelow, „nach unserem 2:1 waren wir ja gut drauf. Da haben fast alle im Stadion gedacht, dass wir gewinnen. Und dann hatten wir drei Minuten lang totale Aussetzer und haben alles verspielt.“
Weil die Leverkusener sich vorkommen mussten wie bei einem Erdbeben inklusive Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren, mochte in kollektiver Depression auch niemand sein individuell positives Erlebnis herausstellen. „Ich kann doch über mein erstes Tor für Bayer nicht glücklich sein, wenn du verloren hast“, sagte etwa Stefan Kießling, dem Rudi Völler beim Gang in die Kabine einen Klaps auf den Kopf gegeben hatte („Siehste, geht doch“).
Eine Art Befreiung von schwerer Last empfand der Schlaks dennoch nach seinem Abstauber zum 1:1. Und Athirson, links liegen gelassen in letzter Zeit von Trainer Michael Skibbe, konnte sich nach seinem Volltreffer zum 2:1 schon gar nicht mehr lassen vor Freude, der Brasilianer schickte Grüße zum Himmel und zur Leverkusener Bank, zu „meinem Freund Tscholli“, Bayers Physiotherapeuten Dieter Trzolek.
Bis zum Ausgleich von Kießling war das Folter für die Bayer-Fans, weil die Mannschaft Laumänner-Fußball als Programm auflegte, anstatt die Gunst der Stunde zu begreifen gegen Münchner, denen noch nie zuvor in der BayArena so viele Pässe und Passagen missraten waren wie an diesem unwirtlichen Nachmittag. Allerdings bekam Bayers Elf auch erst nach dem Wechsel jene offensive Ausrichtung, die auf Mut hindeutete, aber nichts Anderes war als eine zwangsläufige Reaktion auf den Rückstand.
„Die Passivität in der ersten Hälfte ist mir gegen den Strich gegangen, deshalb bin ich zur Pause auch etwas lauter geworden“, erzählte Skibbe. Courage aber und Rückenwind trugen eben nicht bis ins Ziel, weil sich unbedingte Entschlossenheit verflüchtigte, Duelle nicht mehr mit Biss geführt wurden. Also durfte Sagnol unbehelligt den Flankenball auf den ebenso unbedrängten Demichelis schlagen, durfte Pizarro eben nach unzureichendem Klärungsversuch von Juan die Leverkusener Abwehr umkurven und zu einem Schuss ansetzen. Dass der (haltbare) Ball an Butts Fäusten vorbeiflog, vollendete das Ärgernis.