VON KERSTIN THESING, 12.11.06, 22:08h
LEVERKUSEN. In dieser 80. Minute hätten sie direkt bei Madame Tussaud anfangen können. Reglos wie Prinz Charles im Londoner Wachsfigurenkabinett standen die Stars des FC Bayern München auf dem Rasen. Während sich auf der anderen Seite das rot-schwarze Jubelknäuel nur langsam lösen mochte, standen Roy Makaay und Co. hübsch aufgestellt, jeder auf seiner Position, und sahen dem munteren Treiben zu. Ausgerechnet der Brasilianer Athirson, schon als Fehleinkauf von Bayer Leverkusen abgestempelt, hatte neun Minuten nach seiner Einwechslung für die 2:1-Führung (80.) gesorgt. Da auch Stefan Kießling drei Minuten nach seiner Einwechselung endlich sein erstes Pflichtspieltor für Bayer 04 erzielt hatte (48.), bordete die Freude in der BayArena über.
Aber die Bayern erwachten aus ihrer Schockstarre und schlugen gnadenlos zurück: Innerhalb von 177 Sekunden drehten sie das Spiel. Am Ende stand es nach den Toren von Hasan Salihamidzic (33.), Martin Demichelis (83.) und Claudio Pizarro (86.) 3:2 (1:0). Manager Uli Hoeneß drückte seinen Trainer Felix Magath ganz fest an sich und lief anschließend mit seinem breitesten Grinsen durch die Katakomben der BayArena. „Ich habe nach der Niederlage gegen Hannover nichts gesagt und so werde ich das auch heute halten. Sonst heißt es wieder: ,Der spricht nur nach Siegen“, wehrte der Manager alle Nachfragen ab. Dafür sprachen andere: „Die Bayern sind doch die Bayern“, seufzte Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler, „die stechen zu, wenn es am meisten weh tut.“
„Heute wären die Münchner zu schlagen gewesen“, haderte Torschütze Kießling. Tatsächlich hatte sich der Rekordmeister keineswegs als Übermannschaft präsentiert. Mit der Blamage gegen den Tabellenletzten Hannover (0:1) im Gepäck und dem Wissen, dass der letzte Auswärtssieg am 20. August in Bochum gelang, bestimmten die Gäste zwar die erste Halbzeit, allerdings profitierten sie auch von der Passivität der Leverkusener. „Wir hatten einen Tick zu viel Respekt“, stellte Trainer Michael Skibbe fest. Das änderte sich erst, als er die Mannschaft nach der Pause umstellte. Für den weitgehend wirkungslosen Simon Rolfes brachte Skibbe Angreifer Stefan Kießling, Sergej Barbarez rückte ins defensive Mittelfeld.
Fortan hatten die Hausherren das Spiel im Griff. Erst konnte Kießling nach einem Torwartfehler von Oliver Kahn ausgleichen, dann versenkte Athirson einen Linksschuss in die Maschen. Als alle jubelten, blieb Trainer Skibbe äußerlich ruhig. „Ich wusste, dass die Bayern die individuelle Klasse haben, zurückzuschlagen“, verriet der Trainer. Seine Vorahnung sollte sich bestätigen. „Uns hat der Mut gefehlt, weiter so zu spielen wie zuvor. Wir haben uns stattdessen hinten reindrängen lassen“, beschrieb Skibbe den Weg zur Niederlage. „Vielleicht hat am Ende auch ein wenig die Kraft gefehlt“, vermutete Sportdirektor Völler. Wie auch immer: Deftige Wackler in der Abwehr und ein Patzer von Torwart Jörg Butt erstickten die Freude im Keim.
„Ich bin erleichtert, dass ich endlich mein erstes Tor für Bayer gemacht habe, aber richtig freuen kann ich mich natürlich nicht“, sagte Kießling. Der Ex-Nürnberger muss sich jetzt auf den Weg zum Getränkehändler machen. 100 Liter Bier hatte er den Bayer-Fans versprochen, falls er bis zum Duell mit seinem Ex-Club am Samstag keine drei Tore für die Leverkusener erzielt haben sollte. Auch Philipp Lahm wird wohl noch eine Runde geschmissen haben. Der Bayern-Profi feierte am Samstag seinen 23. Geburtstag. „Dieser Sieg ist natürlich ein passendes Geschenk“, strahlte der linke Verteidiger: „Wir wussten, dass wir durch die Bremer Niederlage den Rückstand auf Werder von sechs auf drei Punkte verkürzen konnten, das war eine Top-Motivation für uns.“
Lahm mochte genauso wenig wie sein Trainer verhehlen, dass der Druck nach dem Hannover-Spiel immens gestiegen war. „Dementsprechend froh bin ich, dass noch ein 3:2 herausgesprungen ist“, freute sich Magath: „Wir sind auf dem Weg, wieder der alte FC Bayern zu werden.“ Der Trainer hatte auf die Kritik am fehlenden Spielmacher seit dem Ballack-Abgang reagiert und erstmals Bastian Schweinsteiger hinter den Spitzen aufgeboten. Auch wenn die Leistung des Nationalspielers ausbaufähig ist, war Magath zufrieden.
Den Leverkusenern und deren Cheftrainer Michael Skibbe blieb unterdessen die Erkenntnis, dass man nur gewinnen kann, „wenn man über den nötigen Respekt hinaus respektlos auftritt“, und „dass die Bayern eben die Bayern sind. Das wird sich auch nicht ändern.“
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