Carsten Ramelow absolviert mittlerweile seine zwölfte Saison bei Bayer 04. Der Käpt'n ist längst ein Leverkusener Urgestein. So langjährige Vereinstreue ist selten geworden im Fußball-Geschäft. Für Calle aber gibt's nichts besseres als Bayer 04
Gewiss, dass er’s nicht nur in den Kniekehlen hat, das war ja bekannt. Schließlich hat Carsten Ramelow schon – für einen guten Zweck und mit einigem Erfolg – seine Kehle strapaziert und eine CD besungen. Auch bot er bei passenden Gelegenheiten gemeinsam mit Mannschaftskumpels Proben seiner Musikalität in Form von gelungenen Parodien der berühmten Comedian Harmonists. Dennoch, als Stimmungskanone oder gar als „Hümorbombe“, wie sich sein früherer Hamburger Bundesliga-Kollege, der Däne Thomas Gravesen, augenzwinkernd selbst zu bezeichnen beliebte, ist der Leverkusener Fußballprofi Carsten Ramelow eher selten öffentlich hervorgetreten.
Calle als Dirigent in der Nordkurve
Umso größeres Erstaunen riefen seine jüngsten Auftritte nach den umjubelten Bayer-Heimsiegen gegen den FC Sion und dann gegen den FC Schalke 04 hervor. Der 32-jährige Mittelfeldspieler, ein Muster an Beständigkeit und Zuverlässigkeit, der seine Aufgabe als Abräumer im Mannschaftskollektiv meistens humorlos so zu erfüllen pflegt, dass dem Gegner bald der Spaß vergeht, schwang sich vor der Nordkurve der BayArena auf ein Podest und stimmte die Fans auf ein zünftiges „Uffta, Humba, Humba, Täterä“ ein. Die pure Lust am Abfeiern. Wir sind Bayer 04. Fußball als Volksfest.
Mag ja sein, dass man den blonden Dirigenten bislang verkannt hat, aber außerhalb des Platzes galt er bislang als sympathischer, aber auch als zurückhaltender Zeitgenosse. „Falsch, man wird falsch eingeschätzt und ein für alle Mal in eine Klischeekiste gesteckt“, sagt der zweifache Familienvater, „wer mich kennt, weiß, dass ich privat für jeden Spaß zu haben bin.“
Die Fans hätten ihn gefordert. Er habe das Gefühl gehabt, mit diesen Aktionen den Wünschen vieler begeisterter Bayer-Anhänger nachzukommen, und habe das entsprechend gerne gemacht. Die Vermutung, er habe womöglich in diesen Situationen eine Rolle gespielt und sich dazu überwinden müssen, lässt er nicht zu: „Das war überhaupt nichts aufgesetztes. Im Gegenteil, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Ich bin nicht der Typ, der den Kasper macht, weil das vielleicht gerade angesagt ist.“
Ein Teamplayer wie aus der Fußballfibel
Carsten Ramelow ist der Kapitän der Bayer-Elf. „Käpt’n Calle“. Er ist ein ruhiger Typ, der in seinem Job aufgeht und bei Bedarf auch laut wird. Er hat längst gezeigt, dass er ungleich mehr kann als die Offensive des Gegners zu schwächen. Freilich, ohne ihn, den klassischen Sechser mit der Nr. 28, als sicherem Rückhalt im Kreuz hätten gefeierte Ball- und Offensivkünstler wie Ballack, Zé Roberto, Bastürk, Schneider nicht so glänzen können. Ein Teamplayer wie aus der Fußballfibel, dem kein Weg zu weit, dem in der Branche nichts fremd ist, der die Spielregeln des Geschäfts kennt.
Zuletzt hat er zwei Tore erzielt, die so nicht jeder drauf hat, technisch sehr anspruchsvoll. Das kann er also auch noch. Gepaart mit seinem dynamischen Spiel hat sich Dauerbrenner Ramelow in der Rangliste der Führungsfiguren längst nach ganz oben katapultiert. Er führt und wurde offenbar lange unterschätzt. „Ja, der Carsten ist ein richtiger Spielführer“, lobt Rudi Völler den 46-maligen Nationalspieler mit weit über 300 Bundesliga-Einsätzen, „man hat ja x-mal versucht, ihn rauszuschreiben, aber seine Klasse hat sich stets durchgesetzt.“
Ein bisschen stolz auf all die Jahre
Ramelow kann von sich behaupten, ein gutes Stück Bayer 04 zu sein. Der gebürtige Berliner, der im Dezember 1995 von Hertha BSC an den Mittelrhein wechselte, ist im lebhaften Nomadentum der Fußballprofis für Bayer 04 so zu sagen die einzige noch aktive Konstante. Er hat viele kommen und viele gehen sehen. Er hat erlebt, wie selten Träume in diesem beinharten Business wahr werden und wie viele Hoffnungen platzen. „Ich bin jetzt im elften Jahr und in meiner zwölften Saison hier“, sagt Ramelow, „rückblickend bin ich ein bisschen stolz darauf. Wir waren in dieser Zeit fast immer international vertreten, es war eine schöne und relativ erfolgreiche Zeit.“
Das heißt nun keineswegs, dass er an die Ziellinie der Karriere denkt. Im Gegenteil. Das Champions-League-Endspiel von Glasgow gegen Real Madrid, das Halbfinale und Finale im DFB-Dress bei der WM 2002 in Japan und Südkorea, das waren die Höhepunkte einer tollen Laufbahn, aber der Mann hat durchaus noch einiges vor.
Der Traum vom Titel
Er möchte noch liebend gerne seinen Teil dazu beitragen, dass den gegnerischen Schreihälsen endlich die Munition ausgeht für jenen dumpfen Spruch, mit dem sie seit Jahren glauben, die Leverkusener Mannschaft und deren Fans ärgern zu können. Ramelow: „Sollte es mir tatsächlich gelingen, mit Bayer 04 Deutscher Meister zu werden, wäre das für mich wertvoller als mit Bayern München sechs Mal den Titel zu holen.“
Mit der Nationalelf hat er abgeschlossen. Seinen Rücktritt vor zwei Jahren nach der EM in Portugal, als sich auch Rudi Völler vom Amt des Teamchefs zurückzog, hat er nie bereut: „Es hat mir gut getan, auch wenn es sich in der ersten Zeit komisch anfühlte: Die meisten anderen gehen auf Länderspielreise, ich trainiere in Leverkusen.“
Gewerkschaftlich engagiert
Der Stimmungsmacher Ramelow ist ein Profi, der seinen Beruf ernst nimmt. Er drängt sich nicht vor die Kameras, aber er stellt sich im Zweifelsfall auch regelmäßig unangenehmen Fragen, wenn andere wortlos das Weite suchen. Und er beschäftigt sich mit berufsständischen Fragen. Jüngst ist er wiedergewählt worden als Vizepräsident der Gewerkschaft der Berufsfußballspieler (VdV). Dem Verband gehört er als Mitglied schon seit zehn Jahren an. In dieser Funktion ist er seit 2003 tätig.
Er kümmert sich, lässt sich informieren, berichtet aus eigenen Erfahrungen und gibt Ratschläge. Das ist durchaus anspruchsvoll und zeitaufwändig und deshalb auch nicht selbstverständlich in einer hippen Branche, der man nachsagt, viele ihrer Protagonisten seien vor allem eins – egoistisch. „Die Problemfälle gibt’s in der Bundesliga eher selten“, berichtet Carsten Ramelow, „vor allem hier bei Bayer 04 ist das ja alles o.k.. Aber manches, was den Kollegen in unteren Klassen so passiert, ist unglaublich.“
Die können sich glücklich schätzen, dass in solchen Fällen ein Mann wie Carsten Ramelow seine Lebens- und Berufserfahrung zur Problembewältigung einbringt.
bayer04.de