Lizenz zum Schimpfen

  • VON CHRISTIAN OEYNHAUSEN, 24.11.06, 20:29h


    Leverkusen -Während Michael Skibbe im Pressesaal der BayArena mühsam um Erklärungen rang, stand Dimitar Berbatow vor der Umkleidekabine und äußerte Mitgefühl: „Sie machen eine harte Zeit durch. Aber ich bin Profi und muss meinen Job tun“, sagte der Stürmer von Tottenham Hotspur über Bayer 04 Leverkusen, nachdem er seinen Ex-Klub mit seinem Tor zum 1:0 noch tiefer in die Krise gestürzt hatte. Den Jubel hatte sich Berbatow in einer noblen Geste verkniffen. Bei Leverkusens Fans kam das gut an. Zwischen den „Skibbe raus“-Rufen und dem erstmals als Choral vorgetragenen „Holzhäuser raus“ riefen die Anhänger Berbatows Namen. Es klang wie ein sehnsuchtsvoller Abschied von großen Europapokaltagen. Nach dem Aus im DFB-Pokal und Rang zwölf in der Bundesliga droht im internationalen Wettbewerb nun eine weitere schmerzhafte Pleite.


    Noch in der Nacht trafen sich Skibbe, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser zur Lagebesprechung. Alle verließen die Sitzung im vollen Besitz ihrer Ämter und Positionen. Klub-Beobachter rechnen nicht damit, dass es in der Trainerfrage zu ernsthaften Wechsel-Überlegungen kommt, bevor Leverkusen auf einem Abstiegsplatz steht. „Es war eine erschreckende Leistung. Aber wenn das Orchester schlecht spielt, ist nicht immer der Intendant oder der Dirigent Schuld“, behauptet Holzhäuser, der als Reaktion auf das vierte sieglose Heimspiel in Folge ein „raueres Klima“ und „intern schärfere Töne“ ankündigte. Man wolle die Führungsspieler stärker an ihre Verantwortung erinnern. Sein Trainer setzte diesen Plan prompt um und fordert für die Partie gegen Energie Cottbus am Sonntag (18 Uhr, BayArena): „Die Älteren sind jetzt gefordert: Ramelow, Schneider, Barbarez“, sagte der 41-Jährige. Eine Extra-Portion der neuen Disharmonie hatte Skibbe für Stürmer Andrej Woronin übrig: „Man darf mehr von ihm erwarten.“ Weitere Konsequenzen für den Ukrainer sind aber wohl ausgeschlossen. Von allen Stürmern, die Leverkusen hat, ist Woronin noch derjenige, der wenigstens ab und zu funktioniert.


    Ansonsten herrschte Verunsicherung pur auf dem Platz. „Wahrscheinlich reine Kopfsache“ vermutet Rudi Völler. „Die Automatismen funktionieren nicht. Wir müssen doppelten Aufwand betreiben“, sagt Mittelfeldspieler Simon Rolfes. Das ist womöglich ein Grund für frühe Ermüdung: Kein Team in der Bundesliga kassiert so viele Tore in der zweiten Halbzeit (15 von 21 Gegentoren). Das ist eine objektive Zahl, die den subjektiven Eindruck ergänzt, dass keine andere Mannschaft nach guten Phasen im Spiel so lange Pausen braucht.


    Eine stabile Stammelf hat Skibbe in seinem kleinen und wenig homogenen Kader noch nicht gefunden. Seine Auswechslungen gegen Tottenham wirkten unentschlossen und trugen im Fall des jungen Pierre de Wit (in der 80. Minute für Ramelow) Glücksspiel-Charakter. Aber: Viel mehr ist auch nicht vorhanden. Die Abgänge von Berbatow, Jens Nowotny und Clemens Fritz schmerzen den Klub mehr, als er zugeben kann. „Man darf im Moment nicht von Zuversicht sprechen. Für uns ist in dieser Situation jeder Gegner schwer“, hat Skibbe am Freitag mit Blick aus das Spiel gegen Cottbus gesagt. In Einzelgesprächen will er ermitteln, „wer sich gegen Cottbus stellen will und kann“. Tranquillo Barnetta, gegen Tottenham in der kaum gewohnten Rolle als rechter Verteidiger aufgeboten, muss nicht erst gefragt werden. Er erlitt eine Knöchelprellung und fällt aus.


    Bayer 04: Butt - Schwegler, Madouni, Juan, Castro - Ramelow, Rolfes - Freier, Schneider, Barbarez - Woronin. - Energie Cottbus: Piplica - da Silva, McKenna, Mitreski, Ziebig - Rost, Kukielka - Radu, Shao, Munteanu - Kioyo. - Schiedsrichter: Stark (Ergolding).

    http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1162473095294