VON UDO BONNEKOH
(RP) Rudi Völler fuhr aus der Haut und nahm sich die träge Mannschaft nach dem 0:1 gegen Tottenham zur Brust. „Wir wehren uns nicht, wir sind zu brav“, lautete die Anklage. Skibbe will das Team gegen Cottbus „malochen“ sehen.
Er ist ja ein im Grunde umgänglicher, harmoniebedürftiger Zeitgenosse, abgesehen von den cholerischen Ausfällen als medienträchtige Ausnahme. Gestern morgen aber, noch vorm üblichen Training, ist Rudi Völler mächtig aus der Haut gefahren und hat vor Bayers versammelter Mannschaft das Wort zum Sonntag gesprochen. Ohrenzeugen berichten, der Leverkusener Sportdirektor sei bei ähnlicher Gelegenheit noch nie so laut geworden wie bei der düsteren Rückschau auf diese absolut unannehmbare Darbietung des vom Publikum ausgepfiffenen, verhöhnten Ensembles beim wirklich schmählichen 0:1 gegen Tottenham Hotspur im Uefa-Cup.
Am Mittag, als bei Völler schon ein bisschen der Dampf aus dem kochenden Kessel entwichen war, geriet die Anklage immer noch präzise. Sie kam aber in gemäßigter Diktion nicht mehr derjenigen eines unerbittlichen Strafverfolgers nahe. „Wir sind einfach zu brav, wir wehren uns nicht richtig. Wenn Mannschaften uns spielen lassen wie in Mönchengladbach und Bochum, gewinnen wir. Aber sobald wir auf Gegenwehr stoßen, kommt nichts mehr. Die Mannschaft muss den Leuten im Stadion auch was anbieten, was sie hinter uns bringt“, betonte der 46-Jährige, für den morgen im Bundesliga-Treffen gegen Energie Cottbus (18 Uhr, BayArena) null Alternative existiert: „Das müssen wir gewinnen, darüber kann es keine verschiedenen Meinungen geben.“
So oder so ähnlich wird es der Chef auch den spielenden Angestellten gesagt haben, die für ungemütliche Zeiten in Fußball-Leverkusen verantwortlich zu machen sind. Erschütternd für Kunden oder neutrale Beobachter: Die Elf hat mittlerweile überhaupt keinen Fixpunkt mehr, niemanden, der Halt gibt. Gegen die wahrhaft nicht starken Engländer fielen die Leverkusener allenfalls durch ihre kollektive Trägheit auf, durch Gleichgültigkeit, durch unvorstellbare Verweigerung von Zweikämpfen. Gelbe Karten gegen Bayer als sich auflehnende Gruppe? Nicht eine.
Wer jetzt Orientierung geben soll? „Alle am besten“, sagt Trainer Michael Skibbe, „doch natürlich am ehesten die älteren Spieler wie Ramelow, Schneider, Barbarez, und auch von Voronin ist viel mehr zu erwarten – dass er mal den Ball vorne hält, um andere nachrücken zu lassen.“ Problem nur dabei: Barbarez etwa wird den Status der Reizfigur beim Publikum nicht los, zudem hat Skibbe für ihn noch keinen angestammten Platz in ständig veränderten Formationen gefunden. Und wenn die Gestandenen schon nicht funktionieren, haben es die Jungen schwer.
„Das wird eine schwierige Kiste am Sonntag gegen Cottbus“, sagt Skibbe, was leicht zu prophezeien ist beim momentanen Zustand der Elf. „Doch wir müssen so unbelastet wie möglich in diese Partie gehen und malochen, dass die Fans uns unterstützen.“ Klar spielen solle das Team und schnell nach vorn sowie eng stehen – das, betont Skibbe, „hat jetzt Priorität, damit sich das Nervenkostüm glättet und wir in Ruhe weiterarbeiten können“.