Von Roland Zorn, Leverkusen
Tottenham Hotspur hat sich schon nach drei Spielen der Gruppe B für die erste K.-o.-Runde im Uefa-Pokalwettbewerb qualifiziert. Der Londoner Premier-League-Klub gewann am Donnerstag abend ohne große Mühe 1:0 bei Bayer Leverkusen und feierte damit schon seinen dritten Sieg in dieser internationalen Runde.
Passend zu einer überaus schwachen Vorstellung der Rheinländer schoß auch noch der frühere Leverkusener Dimitar Berbatow (35. Minute) das Tor des Tages. Bayer muß am kommenden Mittwoch bei Dinamo Bukarest schon punkten, will das Team auch noch im kommenden Frühjahr im Uefa-Cup dabeisein. Erst ein Punkt aus dem Auswärtsspiel beim FC Brügge, das ist noch viel zuwenig, von der gestrigen Leistung der Bayer-Elf ganz zu schweigen.
„Das Aufbäumen fehlte“
„Man hat gesehen, daß wir ein schlechtes Spiel gemacht haben“, sagte Trainer Michael Skibbe. „Wir haben hart daran gearbeitet, daß wir in den Uefa-Cup kommen - und deshalb wollen in den letzten beiden Spielen noch einmal alles geben.“ Torhüter Jörg Butt, der eine höhere Niederlage mehrfach mit tollen Paraden verhinderte, kritisierte seinen: „So kann man international sicher nichts reißen. In der zweiten Halbzeit fehlte einfach das Aufbäumen.“
Skibbe hatte schon zuvor von einem „ganz schwerer Gang“ gegen den Tabellenzwölften der Premier League geunkt. Und er meinte das nicht allein deshalb, weil der jahrelang beste Bayer-Stürmer Dimitar Berbatow seit dieser Saison für die Spurs Tore schießt. Mochten auch beide Teams mäßig in ihre nationalen Meisterschaften gestartet sein, so kann Tottenhams Trainer Martin Jol doch auf ein international stärker anmutendes Ensemble bauen. Wer außer Berbatow weltweit renommierte Profis wie den Engländer Aaron Lennon, den Ivorer Didier Zokora oder den Iren Robbie Keane in seinen Reihen hat, dem muß vor der Reise zum Bundesliga-Zwölften nicht bange sein. Was Skibbe auch zu denken gegeben haben mag, ist die desaströse Leverkusener Bilanz in Europapokal-Duellen mit englischen Mannschaften: Bis zum Donnerstag war bei zwölf Versuchen erst ein Sieg herausgesprungen.
Nach Leibeskräften ausgepfiffen
Die Londoner konnten sich atmosphärisch in der Bay Arena von vornherein wie zu Hause fühlen. Der Regen strömte unablässig - englisches Wetter eben. Leider war vor der Pause nur wenig Fluß im Spiel. Bei Bayer lief gar nichts zusammen, bei Tottenham war früh zu spüren, daß dieses Team mehr zu bieten hat. Angetrieben von Lennon und Keane, deuteten die Briten einige Male an, zu was sie, wenn gefordert, fähig sein können. Folgerichtig ging die Mannschaft des Nordlondoner Traditionsvereins auch in der 35. Minute in Führung, als Lennon zielstrebig in den Leverkusener Strafraum stürmte und Berbatow bei der präzisen Hereingabe nur noch den Fuß hinhalten mußte. Es war bereits der vierte Treffer des Bulgaren im laufenden Uefa-Cup-Wettbewerb für seinen neuen Klub.
Was sie an Berbatow hatten, konnten die Bayer-Fans schon vorher ein paarmal mit Bedauern feststellen. Die eigene Mannschaft dagegen zeigte eklatante Schwächen im Spielaufbau, brachte kaum eine Vorlage zustande, die ankam, und produzierte keine einzige Torgelegenheit: Das konnte nicht allein am garstigen Wetter gelegen haben. Es verstand sich also von selbst, daß die Leverkusener Zuschauer ihre Mannschaft beim Halbzeitpfiff des schwedischen Schiedsrichters Hansson nach Leibeskräften auspfiffen. Dabei hatte Bayers Sportdirektor Rudi Völler vor der Begegnung doch plakativ gefordert, daß gegen Tottenham „die Fetzen fliegen“ sollten.
Schlappen Bundesliga-Durchschnittstruppe
Sprüche und Realität klafften auch nach dem Wechsel weit auseinander. Mit Paul Freier, der für den abermals enttäuschenden Berbatow-Nachfolger Stefan Kießling kam (46.), wurde Bayer zumindest phasenweise druckvoller. Doch an den Kräfteverhältnissen änderte sich nichts: Tottenham Hotspur kontrollierte mit seinem wohlorganisierten Konterfußball über Zokora, Lennon, Keane und Berbatow das Spiel dank der besseren Individualisten und der stärkeren Mannschaftsleistung. Die Engländer waren nur so nett, ihre vielen Gelegenheiten nicht zu nutzen.
Und so glaubten die Leverkusener wenigstens noch an ihre kleine Chance und hätten bei etwas mehr Glück sogar das unverdiente 1:1 erzielt. Schneiders Distanzschuß aber prallte vom Pfosten zurück (66.). Die schlechte Stimmung unter den Bayer-Fans konnte die wenigen Lichtblicke der Werksmannschaft nicht aufhellen. Das Publikum feierte Dimitar Berbatow bei dessen Auswechslung in der 77. Minute frenetisch und forderte wieder einmal ebenso lautstark den Rauswurf von Geschäftsführer Holzhäuser und Trainer Skibbe. Damit wäre bei dieser schlappen Bundesliga-Durchschnittstruppe aber auch nicht viel gewonnen. Bayer erinnert in nichts mehr an die großen Jahre dieses Klubs rund um die Jahrtausendwende. Lang ist's her.
Bayer Leverkusen - Tottenham Hotspur 0:1 (0:1)
Leverkusen: Butt - Barnetta (16. Schwegler), Madouni, Juan, Castro - Ramelow (80. de Wit) - Schneider, Rolfes - Barbarez - Kießling (46. Freier), Woronin
Tottenham: Robinson - Chimbonda, Dawson, King, Assou- Ekotto - Tainio, Zokora - Lennon, Malbranque (68. Huddlestone) - Keane, Berbatow (77. Mido)
Schiedsrichter: Hansson (Schweden)
Zuschauer: 22.500 (ausverkauft)
Tor: 0:1 Berbatow (35.)