VON UDO BONNEKOH
(RP) Nicht nur Paul Freier und Marko Babic als Leverkusener Schützen fühlten sich beim Sieg gegen die Hertha vom Glück verfolgt. Rudi Völler blickt voraus auf die Partie gegen Istanbul und spricht von „Meilenstein“.
Sie haben ihren Wunschzettel schon längst abgeschickt und auch gar kein Geheimnis vom Inhalt gemacht. In der Bundesliga zumindest optisch noch ein bisschen aufsteigen und im Uefa-Cup überwintern, was besagt, dass im Neuen Jahr ein wohl renommierter Gegner in die BayArena käme – das ist Bayer Leverkusens Liste mit Begierden. Nach dem 2:1 am Freitag gegen Hertha BSC Berlin fühlten sich die Leverkusener schon reichlich beschert. „War ein bisschen glücklich“, meinte Paul Freier strahlend, „aber wir haben ja auch mal etwas Glück verdient.“ Wie Kollege Freier konnte auch Marko Babic kaum an sich halten vor Freude, weil der Kroate mit einen Freistoß den Ball zum Sieg versenkt hatte. Dass Berlins Fiedler ihm die Türe weit geöffnet hatte mit einem Fehlschritt, focht Babic nicht an. „Super-Freistoß“, sagte er nur verschmitzt.
Donnerstag gegen Istanbul
Zum Schwur freilich kommt es erst am Donnerstag gegen Besiktas Istanbul im letzten Gruppenspiel des Uefa-Cups, in dem Bayer gegenwärtig lediglich mit einem beim FC Brügge erkämpften Punkt notiert ist.
Und Rudi Völler urteilte nicht übertrieben, als er diese Begegnung unmittelbar nach dem befreienden Erfolg gegen die Berliner („Das war ein big point“) in den Rang eines „Meilensteins“ erhob. Der Leverkusener Sportdirektor freute sich auch darüber, mit einem Wort-Beitrag Anteil an den gewonnenen drei Punkten gehabt zu haben.
„Ich hab’ mit dem Marko Babic darüber diskutiert, dass er die Bälle nicht über die Mauer zu schießen versuchen soll, sondern an ihr vorbei“, berichtete Völler ohne den Eindruck zu erwecken, er sei auf Selbstlob aus.
Das hat ja auch diesmal geklappt, was speziell Babic gut tat, weil er erst nach vielen Wirrungen und Wendungen einen Platz im Team gefunden hat. Und in Freier traf es auch genau den Richtigen als Schütze, weil „Slawo“ einer der wenigen Leverkusener ist, die sich noch richtig grämen, wenn es nicht gut gelaufen ist für ihn und das Team. „Der Paul ist jemand, der besonders für Heimspiele wichtig ist. Der sucht die Eins-zu-Eins-Situationen und er beißt richtig“, lobte Völler.
Vieles allerdings, was den stürmischen Abend in der BayArena zu einer rundherum gelungenen Soirée hätte machen können, fehlte. Was etwa war mit einer Abwehr los, die den Berlinern in der ersten halben Stunde über Pantelics Tor hinaus drei, vier Chancen erlaubte und den Gegner dabei total blank vors Tor kommen ließ? Was war in Simon Rolfes und andere gefahren, als sie Stockfehler am laufenden Band produzierten? Und wie kommen sich Stürmer wie Stefan Kießling (später Andrej Voronin) und Sergej Barbarez vor, die nicht viel Nennenswertes produzieren?
FOTOSTRECKE
Geschafft. Schalke 04 hat am 16. Spieltag den Erzrivalen aus Dortmund klar mit 3:1 besiegt. Die Bedeutung des Spiels zeigt sich an der Reaktion von Rodriguez nach dem Schlusspfiff.
KOMMENTAR : Nur ein Hangeln ohne Plan
UDO BONNEKOH
(RP) Wenn einem schon so viel Gutes widerfährt. . . Die Leverkusener haben sich zwar nicht an den uralten Werbespruch gehalten und sich sofort einen Weinbrand aus Asbach genehmigt. Doch ein Gläschen mit anderem Inhalt durfte es schon sein. Zwei Heimspiele hintereinander siegreich gestaltet wie noch nie in dieser Saison, zwischen den Erfolgen gegen Cottbus und Berlin noch einen Punkt geholt in Bielefeld – da scheint der größte anzunehmende Unfall bereits abgewendet, beinahe unabhängig vom Treffen mit Besiktas und der letzten Bundesliga-Partie des Jahres in Dortmund am Sonntag. Wirklich vorangekommen sind die Leverkusener freilich nicht in diesen Wochen. An Festigkeit gewonnen, an Harmonie, an System, an Profil? Nichts davon. Der Trainer doktert weiter an den Symptomen herum und vertraut aufs dicke Glück. Beispiel Kießling: Der junge Franke kommt im Moment beim Publikum nicht an, weil er viel stolpert. Er weiß das genau und ist blockiert. Die Fans pfeifen, und an der Höchststrafe fehlte nur noch die Auswechslung vor der Pause. Zu Skibbes Glück aber hat Kießling den einzigen lichten Moment vorm 1:1, das heftig den Ukrainer Voronin fordernde Publikum beruhigt sich. Beispiel Abwehr und Mittelfeld: Was sich da gegen Berlin abspielte, hatte wirklich nichts zu tun mit kollektiv erarbeiteter Ausrichtung oder antrainiertem Automatismus. Das ist pure Improvisation – mal mit akzeptablem, mal mit üblem Ausgang. Und so hangeln sie sich von Ergebnis zu Ergebnis in der Hoffnung, der Wunsch werde Wirklichkeit. Ein Plan? Fehlanzeige oder zumindest nicht erkennbar.