Völler :"Wir müssen noch zwei Kraftakte vollbringen" - Interview

  • 2006.12.14

    Istanbul und Dortmund heißen die letzten Aufgaben vor der Winterpause. Für Rudi Völler "zwei Kraftakte", die Bayer 04 noch bewältigen muss und kann. Bayers Sportchef zeigt sich vor der Partie gegen Besiktas im Interview mit dem BayArena Magazin zuversichtlich, dass Bayer seine Chance nutzen wird.


    BayArena Magazin: Herr Völler, ist die Mannschaft für das Endspiel gegen Istanbul gerüstet?
    VÖLLER: Ja, auf jeden Fall. Wir sind aufgrund der ausgeglichenen Gruppe und durch diesen Modus im UEFA-Pokal in der glücklichen Lage, die nächste Runde noch erreichen zu können mit einem Heimsieg gegen Besiktas. Es ist ja eine sehr positive Konstellation, dass man mit nur einem Punkt noch im Rennen ist. Diese Chance, die man nicht so oft bekommt, die wollen wir natürlich nutzen. Wenn wir das nicht schaffen, dann wären wir auch zu Recht ausgeschieden. Dann gäbe es keine Entschuldigung mehr.


    BayArena Magazin: Nun hat die Mannschaft mit dem Sieg gegen Hertha BSC noch mal ordentlich Selbstvertrauen tanken können, obwohl auch in diesem Spiel nicht alles optimal lief...
    VÖLLER: Man hat gemerkt, dass uns die Sicherheit fehlt. Wir haben zwar am Anfang der Saison einige Spiele verloren, aber wir sind doch anders aufgetreten. Wir haben es dann nur zu oft versäumt, nach einer 1:0-Führung den Knockout zu setzen. Einige Spieler sind momentan sicher nicht in der guten Verfassung, in der sie noch zu Saisonbeginn waren. Jetzt müssen wir noch zwei Kraftakte vollbringen gegen Istanbul und in Dortmund, dann können gerade die Spieler, die bei der WM dabei waren, durchatmen. Wir werden dann in der Vorbereitung auf die Rückrunde konzentriert arbeiten und unsere Ziele mit neuer Kraft angehen.


    BayArena Magazin: Wie schätzen Sie den Gegner Istanbul ein?
    VÖLLER: Besiktas hat sicher eine sehr gute Mannschaft. Aber ich denke, die Tabelle spricht eine deutliche Sprache: Tottenham ist das stärkste Team in unserer Gruppe, ansonsten liegt alles sehr dicht beieinander. Das Niveau der anderen Mannschaften ist in etwa gleich. Da kann jeder jeden schlagen. Besiktas hatte zuletzt gegen Brügge beim 2:1-Sieg ja auch Probleme und lag lange zurück.


    BayArena Magazin: Vermutlich werden die türkischen Fans ähnlich viel Stimmung verbreiten wie die von Tottenham. Gut, dass nun zwischen den Bayer 04-Fans und der Mannschaft wieder alles im Lot zu sein scheint...
    VÖLLER: Michael Skibbe und ich haben uns kürzlich ja mit dem Fanbeirat getroffen, um mal über die Situation zu sprechen. Ich halte einen solchen Austausch auch für sehr wichtig. Man muss sich da einfach mal offen die Meinung sagen können. Die Unterstützung gegen Cottbus und auch in der zweiten Halbzeit gegen Hertha war toll. Gerade in diesen Zeiten muss man einfach enger zusammenrücken.


    BayArena Magazin: Der deutsche Fußball muss derzeit viel Kritik einstecken, weil er auf der internationalen Bühne nicht sehr erfolgreich agiert. Teilen Sie die Auffassung, dass die Bundesliga im europäischen Rahmen eher abfällt?
    VÖLLER: Das sind ja klare Fakten, da muss man gar nichts schönreden. In den letzten Jahren sind uns andere Nationen wie die Spanier, Italiener oder Engländer davongeeilt. Bayern München ist als einzige deutsche Mannschaft noch in der Champions League. Bremen hat sicherlich das Pech gehabt, in einer Gruppe mit Chelsea und Barcelona spielen zu müssen. Immerhin könnten im nächsten Jahr, wenn es gut läuft, noch drei deutsche Teams, nämlich wir, Frankfurt und Bremen im UEFA-Cup vertreten sein. Aber der deutsche Fußball kann insgesamt sicher nicht zufrieden sein.


    BayArena Magazin: Bayer 04 war in den vergangenen zehn Jahren mit wenigen Ausnahmen immer international vertreten. Darauf kann man auch stolz sein...
    VÖLLER: Ja, wir gehörten in den Jahren, als größere finanzielle Sprünge noch machbar waren, zum Stammpersonal in der Champions League. Und nun, wo wir mehr als ein Drittel der Kosten einsparen mussten, sind wir trotzdem noch im UEFA-Cup vertreten. Das dürfen wir schon als kleinen Erfolg werten. Auch wenn die Teilnahme am internationalen Wettbewerb unser Anspruch ist: selbstverständlich ist das Mitwirken im UEFA-Cup nicht.


    BayArena Magazin: Sie haben als aktiver Profi an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen, waren mit Olympique Marseille Champions League-Sieger. Was ist für einen Spieler das Besondere an diesen internationalen Auftritten?
    VÖLLER: Egal ob Champions League oder UEFA-Cup – diese internationalen Vergleiche haben ihren ganz speziellen Reiz. Man misst sich mit den besten Spielern Europas – das macht einfach einen riesigen Spaß. Man kämpft ja in der Bundesliga auch eine ganze Saison dafür, um sich schließlich für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Jeder Profi will dabei sein.


    BayArena Magazin: Haben Sie diese Spiele als eine zusätzliche Belastung empfunden?
    VÖLLER: Nein, das war pure Freude. Natürlich darf man aber nicht vergessen, dass gerade Nationalspieler heutzutage doch schon arg strapaziert werden, noch dazu, wenn man eine WM in den Knochen hat. Es gibt Spieler, die können das besser wegstecken, und andere, die können das nicht so gut.


    BayArena Magazin: Wie wichtig ist ein Weiterkommen in wirtschaftlicher Hinsicht für Bayer 04?
    VÖLLER: Der wirtschaftliche Aspekt ist im UEFA-Cup nicht ganz so entscheidend. Aber für‘s Image ist dieser Wettbewerb doch sehr wichtig. Wenn wir weiterkommen, warten in der nächtsten Runde sehr starke Gegner auf uns. Der UEFA-Cup ist ein äußerst attraktiver Wettbewerb geworden. Finanziell kann er sich aber mit der Champions League natürlich nicht messen.


    BayArena Magazin: Wer sind für Sie die Favoriten auf den UEFA-Cup-Sieg?
    VÖLLER: Natürlich sind da in erster Linie die Mannschaften zu nennen, die im nächsten Jahr aus der Champions League herunterkommen, also sicher auch Werder Bremen. Aber auch Tottenham hat gute Chancen, weit zu kommen.

    BayArena Magazin: Bayer 04 könnte mit einem Sieg gegen Besiktas noch einen versöhnlichen Jahresabschluss schaffen. Danach hat es lange Zeit nicht ausgesehen...
    VÖLLER: Trotzdem können wir mit der Hinrunde insgesamt nicht zufrieden sein. Dafür gab es zu viele schlechtere Spiele. Aber ich bin ganz sicher, dass wir uns in der Rückrunde anders präsentieren werden. Richtig ist, dass wir, egal wie das letzte Hinrundenspiel in Dortmund ausgehen wird, den Anschluss an Platz fünf geschafft haben. Und wenn wir im UEFA-Cup überwintern, dann dürfen wir wirklich noch von einem versöhnlichen Jahresabschluss sprechen.


    Aber wie gesagt, ich bin überzeugt davon, dass wir im nächsten Jahr wieder erfolgreicher spielen werden. Auch unsere Stürmer werden ihre Tore noch schießen. Der Knoten bei Stefan Kießling wird ganz sicher platzen, und auch Sergej Barbarez und Andrej Voronin werden auf ihre Quote kommen. Man darf aber ja bei alledem nicht vergessen, dass wir trotz unserer Probleme im Angriff genauso viele Tore geschossen haben wie die Bayern und nur zwei weniger als Stuttgart und Schalke.


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