Sehnsucht nach einem dreckigen Sieg

  • Matthias Sammer hat in dieser Woche eine beruhigende Botschaft nach Leverkusen geschickt. "Bruno Labbadia war ja nie ein begnadeter Fußballer", hat der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes über den Trainer von Bayer Leverkusen gesagt, "aber wenn der Ball über die Linie gedrückt werden musste, dann war er zur Stelle." Er sei sicher, dass Labbadia diese wertvolle Fähigkeit früher oder später "auf seine Mannschaft übertragen" könne, sagte Sammer. Das wäre so etwas wie eine Revolution in Leverkusen, wo in jeder Saison mit zuverlässiger Regelmäßigkeit der Moment kommt, an dem das Thema Siegermentalität Gegenstand leidiger Diskussionen ist. Spätestens seit dem 2:4 gegen den VfB Stuttgart vom vorigen Wochenende ist es wieder so weit.


    Auch in dieser Saison hat die Mannschaft wunderschönen Fußball gespielt, schnell, raffiniert, inspiriert von individueller Kunstfertigkeit. So gesehen ist der Besuch der Leverkusener beim Tabellenführer TSG Hoffenheim am Freitagabend ein Spitzenspiel für Ästheten. Andererseits befindet sich Bayer in einer finsteren Ergebniskrise. Von den vergangenen sechs Bundesligapartien hat die Mannschaft nur eines gewonnen, sie ist von Platz eins auf Rang fünf abgestürzt.


    Altes Motiv


    Die Dimension dieser Serie sei ihm "gar nicht so bewusst", sagt Labbadia, weil diese Serie ja von der Wintervorbereitung unterbrochen wurde, in der Bayer alle Testspielgegner in Grund und Boden kombinierte. Dennoch hat der Trainer auch einen Satz formuliert, der eine gewisse Sorge um den Charakter seiner Mannschaft durchschimmern lässt. "Mir fehlt die letzte Gier auf Erfolg, und bei einigen Spielern sehe ich zu viel Selbstzufriedenheit", sagte er der Zeitung Express. Es ist das alte Motiv, das diesen Klub seit zehn Jahren über unterschiedliche Spielergenerationen, Trainer und Manager hinweg begleitet: In den entscheidenden Momenten gewinnen die anderen.


    "Auch bei anderen Klubs wird man immer Spiele finden, wo man fragt: Wie konntet ihr das noch verlieren?", sagt Sportdirektor Rudi Völler. "Für den Einzelfall gibt es dann immer Erklärungen, außerdem sind wir auch schon im letzten Moment noch in den Europapokal gekommen." Der These, Bayer sei gefangen in einer Endlosschleife, widerspricht Völler vehement. "Wir waren immerhin zehn Mal in den vergangenen zwölf Jahren im Europacup dabei", sagt er. Diese Konstanz ist in der Tat beeindruckend, aber im Gegensatz zu Borussia Dortmund, Werder Bremen oder VfB Stuttgart konnte Bayer Leverkusen schwächere Jahre der Bayern nie zu einem Titel nutzen.


    Bruno Labbadia weiß schon lange um dieses Phänomen, bisweilen wünscht er sich daher auch mal "einen dreckigen Sieg". Wie vor der Partie gegen Hannover 96 in der Hinrunde, die Reaktion seiner Mannschaft war ein hinreißendes 5:0-Spektakel. Und als der dreckige Sieg gegen Energie Cottbus am 17. Spieltag greifbar nahe war, schenkte René Adler den Lausitzern in der 90. Minute einen Eckball, aus dem das 1:1 resultierte. "Das schmerzt immer noch", sagt Völler.


    In Hoffenheim wollen die Leverkusener aber wieder ihre beeindruckende Fußballkunst zur Aufführung bringen, "dort wird man wieder eine andere Bayer-Mannschaft sehen als gegen den VfB Stuttgart am vorigen Samstag", verspricht Labbadia. Schon das 5:2 in der Hinrunde war einer der spektakulärsten Leverkusener Siege der vergangenen Jahre, und vielleicht sind die Erwartungen an die Mannschaft einfach explodiert angesichts der vielen begeisternden Auftritte in dieser Spielzeit. "Auch wenn wir verlieren sollten, werden wir nicht von einer Krise reden", kündigt Bruno Labbadia an, man dürfe schließlich nie vergessen, dass das Saisonziel weder der Titel noch die Teilnahme an der Champions League sei, sondern einzig "die Qualifikation für das internationale Geschäft". Und die ist ja schon oft ohne jene spezielle Siegermentalität gelungen, die in Leverkusen einfach nicht gedeihen mag.



    Berliner Zeitung vom 13.02.2009